Ladepunkte und Reichweitenangst

Enthusiasten der Elektromobilität können damit umgehen. All jene, die erst noch überzeugt werden müssen, spüren sie: Die Reichweitenangst. Schließlich ist die Batteriekapazität ein echter Reichweitenbegrenzer. Denn wer bislang mal eben seinen Verbrenner vollgetankt hatte und dann in einem durch bis an die Adria gefahren war, sieht sich im Elektroauto deutlich eingeschränkt.

Nun soll an dieser Stelle aber nicht weiter über den Einsatz digitaler Hilfsmittel zur Reichweitenberechnung oder Ladestationssuche geschrieben werden. Der Stand der Technik und deren weitere Entwicklung werden schon sicherstellen, dass wir auch elektrisch immer zuverlässig von A nach B kommen.

Vielmehr soll die Frage untersucht werden, wo denn die vielen Ladepunkte (gemäß Ladesäulenverordnung (LSV) eine „Einrichtung, die zum Aufladen von Elektromobilen geeignet und bestimmt ist und an der zur gleichen Zeit nur ein Elektromobil aufgeladen werden kann“) aufgebaut werden müssen, von denen auch der VDA-Präsident Bernhard Mattes im Juni sprach. Damals erwartete er, dass „sieben bis zehneinhalb Millionen Fahrzeuge im Bestand bis 2030 elektrifiziert“ würden. Und Mattes weiter: „Um das möglich zu machen, brauchen wir zirka 100.000 Schnelllade-Säulen, zirka eine Million öffentliche Ladepunkte und mehrere Millionen private Ladepunkte.“

Die Auswahl der Standorte für diese Infrastruktur planen Stromnetzbetreiber und E-Mobilitätsdienstleister ganz unterschiedlich. Aus Sicht der Mobilitätdienstleister eignen sich solche Standorte für Ladesäulen, wo Autos für längere Zeit parken, beispielsweise am Arbeitsplatz. Aus Sicht der Verteilnetzbetreiber stehen Netzkapazität und –anschluss im Vordergrund. Und aus Sicht der Kunden? Fahrer von Elektroautos wollen ihre Fahrzeuge rund um die Uhr, auch bei Schlechtwetter und im Dunkeln bequem – und schnell – aufladen können. Keiner will während der Arbeit das Büro verlassen (Ausstempeln!), um die (zumeist als langsame AC-Charger herkömmlich konfigurierte) Ladestation auf dem Firmenparkplatz für den nächsten Nutzer freizumachen, nachdem der eigene Wagen vollgeladen ist. Noch weniger möchte man spät abends (im Schlafanzug) runter auf die Straße laufen, um genau das zu tun: Die (gleichfalls und überwiegend als langsame AC-Charger herkömmlich konfigurierte) Ladestation an der Laterne vor dem Haus oder um die Ecke für den nächsten Nutzer freizumachen, nachdem der eigene Wagen vollgeladen ist.

Die Zahl der nötigen Ladepunkte darf sich nicht aus der Vollladedauer der überall gleichzeitig (nämlich abends oder morgens) aufzuladenden Fahrzeuge und Batteriekapazitäten errechnen lassen. Vielmehr muss die bislang starke Dezentralisierung der Ladepunkte aus Effizienzgründen beendet werden. Nicht an jeder Straßenecke, nicht in jeder Quartiersgarage und nicht auf jedem Parkplatz müssen Ladesäulen stehen. Auf Dauer zielführend sein kann nur der Aufbau zentraler Ladestationen (als Nachfolger der und in Ergänzung zu herkömmlichen Tankstellen) in den Städten, den „Speckgürteln“ und entlang der Magistralen. Ergänzend mag es dann noch an jenen Parkplätzen und für die Fahrer, bei denen es nicht auf die Parkdauer ankommt, herkömmliche Ladetechnik geben.

Nur so werden Infrastrukturbetrieb und Netzanschluss auf Dauer wirtschaftlich darstellbar sein. Denn eins sollten alle Elektromobilisten, egal ab Enthusiasten oder Skeptiker, erkennen: Zum Strompreis an der Ladesäule (inklusive aller heute schon bekannten Abgaben auf den Preis für elektrische Arbeit) muss ab sofort der Preis für die Flächen- und Infrastrukturnutzung addiert und darf zukünftig eine Umlage für wegbrechende Mineralöleinkünfte des Fiskus erwartet werden.

„Laden wie Tanken“ heißt also das Motto, mit dem für Akzeptanz und Wirtschaftlichkeit in der Elektromobilität geworben werden muss. Die Standortsuche für die neuen E-Tankstops hat schon begonnen und Stellen für „location scouts“ auf den Seiten einschlägiger Charge Point Operator oder deren Flächenbedarf werden ausgeschrieben. Aral und Shell beispielsweise rüsten vorhandene Standorte herkömmlicher Tankstellen mit Ladetechnik aus und erste Anlagen lassen sich beispielsweise in Bochum besichtigen.

Quellen und weiteres Lesen:

Reichweitenangst: https://de.wikipedia.org/wiki/Reichweitenangst

BNetzA Karte und Liste der LSV-kompatiblen Ladesäulen – https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Sachgebiete/ElektrizitaetundGas/Unternehmen_Institutionen/HandelundVertrieb/Ladesaeulenkarte/Ladesaeulenkarte_node.html – Liste: https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Downloads/DE/Sachgebiete/Energie/Unternehmen_Institutionen/HandelundVertrieb/Ladesaeulen/Ladesaeulenkarte_Datenbankauszug26.xlsx;jsessionid=A44C499C5600CAA604894AFAECD9686E?__blob=publicationFile&v=2

August 2019: Reichweite https://edison.handelsblatt.com/e-hub/reichweite-ist-doch-wirklich-nicht-alles/24865532.html

14.8.19: Mehr öffentliche Ladesäulen, aber noch immer zu wenighttps://www.deutschlandfunk.de/elektroautos-mehr-oeffentliche-ladesaeulen-aber-noch-immer.766.de.html?dram:article_id=456283

25.6.19: Verband der Automobilindustrie … mehr Ladestationenhttps://www.deutschlandfunk.de/verband-der-automobilindustrie-fuer-akzeptanz-beim-kunden.694.de.html?dram:article_id=452203

20.6.2019: Denmark … Charging Station https://www.azuremagazine.com/article/in-denmark-a-charging-station-expresses-the-optimism-of-the-electric-revolution/

06.05.2019: BDEW – 17.400 öffentliche Ladepunkte in Deutschland https://www.bdew.de/presse/presseinformationen/hamburg-bleibt-hauptstadt-der-ladepunkte/

2019 Aral Studie „Tankstelle der Zukunft“ https://www.aral.de/content/dam/aral/business-sites/de/global/retail/presse/pressemeldungen/2019/Aral_Studie_Tankstelle_der_Zukunft_2019.pdf

 

Weitere Informationen:

→ Elektromobilität und Immobilien sind eine neue Einheit
→ Ladepunkte und Reichweitenangst
→ Der stille Bote. Mit dem elektrischen Lieferwagen von Haus zu Haus
→ It’s all electric! Oder doch nicht?
→ Was die Elektromobilität bewegt – Von Marktrollen und Prozessen
→ Glossar zur Elektromobilität
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